Verlegung der Kunststoffproduktion nach Vietnam
Der Leinefelder Heiko Gattner machte sich 1993 in der Fensterbaubranche selbstständig. 20 Jahre später beweist er erneut unternehmerischen Mut: Mit Kunststoff-Fenstern will er von Hanoi aus den Markt in Vietnam erobern. Das Land sei gerade Ostdeutschen gegenüber aufgeschlossen, sagt er.
In Ghana und Usbekistan sind die Leinefelder Fenster- und Fassadenbauer schon aktiv, haben dort einige Aufträge bekommen. Jetzt gehen sie einen Schritt weiter und errichten im Ausland eine Produktionsstätte. „Auf Vietnam bin ich durch einen Bekannten aufmerksam geworden, der seit 1988 in Deutschland lebt und in der DDR studiert hat“, berichtet Heiko Gattner. Vor zwei Jahren begann der 41-Jährige gemeinsam mit seinem Partner Jens Höliner, die Lage in Vietnam zu sondieren. Eine Marktstudie wurde in Auftrag gegeben. Und das Ergebnis scheint vielversprechend zu sein. „Vietnam boomt, noch mehr als die neuen Bundesländer nach 1989“, so Gattner. Das Wirtschaftswachstum sei im ehemaligen Freundesland der DDR enorm, Vietnam sei ein Wachstumsmotor in Asien.
Ein Jahr später hatte die Gattner GmbH, die in Leinefelde heute 120 Mitarbeiter beschäftigt und 2009 einen Umsatz von 17 Millionen Euro verbuchte, ein Verkaufsbüro in Vietnam eröffnet. „Die Gewerbegenehmigung zu bekommen, war sehr aufwändig, aber wir haben das inzwischen alles erledigt“, freut sich der Unternehmenschef auf den nächsten Schritt, der eigentlich schon im vorigen Herbst geplant war. Da sollte die Produktion in der angemieteten 4000 Quadratmeter großen Betriebshalle in Hanoi starten. Aber es stellte sich heraus, dass in Vietnam kein Isolierglas, sondern nur einfache Scheiben zu bekommen sind, also musste zuvor eine eigene Produktionslinie für Isolierglas angeschafft werden. Die Maschinen dafür stehen in Leinefelde und werden im Mai per Schiff den Weg nach Vietnam antreten. Zwei Monate später soll die Kunststoffproduktion folgen und bis Ende August am Zielort angekommen, aufgebaut und funktionstüchtig sein.
Das bedeutet aber keinen Arbeitsplatzverlust im Eichsfeld. Im Gegenteil. „Der Glasfassadenbau in Alu und Stahl bleibt hier und wird mit neuen Maschinen noch erweitert“, verkündet Heiko Gattner. Zu den 120 Mitarbeitern kommen wahrscheinlich noch einige hinzu, um die Produktion hochwertiger Glasfassaden – mittlerweile das Hauptgeschäft in Deutschland – abzusichern.
In Vietnam hofft Gattner auf einen guten Absatz der Kunststoff-Erzeugnisse. „Qualitätsfenster werden dort gebraucht, um Büros kühl und die Energiekosten der Klimaanlagen gering zu halten.“ Mit anfangs 50 Mitarbeitern werden Fenster nach deutschen Maßstäben gefertigt, was in dem asiatischen Land vielleicht zwei oder drei Firmen – und nur annähernd so gut – gelinge. Die vietnamesischen Fachkräfte für das neue Werk werden nach und nach in Leinefelde ausgebildet. Für knapp drei Millionen Euro hat die Firma in Hanoi schon Aufträge bekommen, die bis Ende des Jahres erledigt werden müssen. „Das ist ein guter Start“, ist Gattner optimistisch, dass sich das Wagnis lohnt. Denn finanziell muss das Unternehmen dieses Projekt ganz allein stemmen. Die Banken hatten kein Interesse daran, den Eichsfelder Mittelständler mit Krediten zu unterstützen. In Vietnam verlangt die Finanzbranche 16 bis 18 Prozent Zinsen, den deutschen Finanziers ist der Fisch nicht groß genug.
Anfangs werden Gattner und sein Geschäftspartner häufig zwischen Deutschland und Asien hin- und herfliegen müssen. Auf lange Sicht soll sich ein deutscher Betriebsleiter um das Werk in Vietnam kümmern. Schon jetzt fühlen sich die Investoren dort herzlich willkommen. „Selbst der Gemüsestand hat in Vietnam eine DIN-ISO-9001-Plakette. Keiner versteht, was das bedeutet, aber alle wissen: Das ist deutsch, das ist gut“, schmunzelt Heiko Gattner. Die Vietnamesen seien vor allem den Ostdeutschen gegenüber sehr aufgeschlossen. „Die haben uns ins Herz geschlossen und nie vergessen, dass wir ihre Landsleute ausgebildet haben“, weiß der Leinefelder.
entnommen der Thüringer Allgemeinen vom 23.04.2010
Fotos: Thüringer Allgemeine/ Eckhard Jüngel





